Zur Person
Charles Tschopp lebte und wirkte fast ausschliesslich in Aarau. Als Sohn eines an der Aarauer Kantonsschule unterrichtenden Englisch- und Deutschlehrers und einer Londonerin wurde seine Aargauische Prägung durch starke emotionale und kulturelle Impulse aus dem englischen Kulturraum aufgemischt. Was in seinem meist englisch sprechenden Elternhaus an altbritischen Qualitäten initiiert worden war, kultivierte er in seinem literarischen Werk weiter: den Sinn für das Understatement, die Ironie und eine "coole" Gelassenheit dem Leben gegenüber.
An der ETH in Zürich studierte er nach einem in Lausanne abgebrochenen Anglistik-Studium Naturwissenschaften und doktorierte als Botaniker. Seine intensive Beschäftigung mit der Mathematik öffnete ihm 1936 den Weg zu einer Stelle am Aargauischen Lehrerinnenseminar und an der Töchterschule, der heutigen Neuen Kantonsschule Aarau. Er war Mathematiklehrer aus Leidenschaft und Geographielehrer mit überraschender Intuition für das Heimatkundliche. An seiner letzten Schulschlussfeier am 1. April 1962 hielt Tschopp eine Ansprache, die den bezeichnenden Titel "Abschied eines Mathematiklehrers von der Schule" trug. Mathematik mit ihrer Bedeutung für die Allgemeinbildung und die Persönlichkeitserziehung war für ihn zeitlebens ein persönlicher wie ein beruflicher Kristallisationspunkt seiner Reflexionen. "Mathematik treiben heisst zudem Selbsterkenntnis treiben... . Innere 'Verwandlung', nicht 'auswendig behalten' schien mir in meinem Fache wichtig", rief er den Junglehrerinnen als sein Vermächtnis zu. Dazu kam die Arbeit mit der Sprache, welche den mathematischen Sachverhalt festzuhalten hatte, "wie der richtige Ausdruck mit dem richtigen Wissen zusammenhängt." Dass Tschopp ein inniges Verhältnis zum Aphorismus entwickelte, ergibt sich aus diesen beiden Polen Sprache und exakte Wissenschaft.
Den Lehramtskandidatinnen rief er, schon beinahe in aphoristischer Verdichtung, zum Abschied zu, sie sollten ihre gesunde, und 'unzerknitterte Freiheit' (Eichendorff) bewahren : "Doch bedenkt, ihr ärgster Feind lauert in euch selbst. Der jugendliche Geist ist noch ein weites, offenes Feld. Bald aber graben die Lieblingsgedanken, die sogenannten 'Erfahrungen' und die selbstsüchtigen Interessen tiefe Furchen hinein. Es wird immer schwieriger werden, diese Gleise zu vermeiden und immer bequemer, darin zu verharren." Diese Maxime und ihre immanente Warnung trieben ihn zeitlebens um und fanden in allen Werken ihren Niederschlag. Tschopp begann erst im Alter von 40 Jahren zu publizieren.
Charles Tschopp war ein begnadeter Klavierspieler, der zu Stummfilmzeiten Filmmusik im Lichttheater improvisierte. Als passionierter Wanderer entdeckte er im kleinen Kanton Aargau einen ganzen Kosmos! Wer sein, besonders auch von vielen Hundertschaften von Lehrkräften als Unterrichtsmittel hochgeschätztes Werk: "Der Aargau. Eine Landeskunde", las, erhielt einen Einblick in Tschopps umfassende Gabe der exakten Beobachtung und deren packende Umformung in Sprache.
Werke
Aphorismen:
Will man Charles Tschopp als markante Stimme im Chor der bedeutendsten Aphoristiker kennen lernen, begibt man sich im Internet unter: "Charles Tschopp" auf eine Entdeckungsreise, auf der er zehn Mal mehr erwähnt wird, als die Welt Umfangkilometer hat.
Aphorismus (griechisch:"aph-orismós") bedeutet "Abgrenzung", "genau bestimmen", (medizinischer) "Lehrsatz", eine Sentenz. Er ist ein Gedankendestillat. Kürze, Prägnanz und Hintersinn sind konstitutiv. Seit Hippokrates sind uns medizinische Lehrsätze in aphoristischer Form überliefert - schnell wirksame Ratschläge für solche, denen vielleicht nicht mehr viel Zeit für lange Lektüren blieb.
Für die französischen Moralphilosophen des 17. und 18. Jahrhunderts waren die Aphorismen schnelle Gedankenpfeile, mit denen aus der Denkträgheit aufgeweckt werden sollte. Das deutsche Urgestein des Aphorismus ist Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) mit seinen "Sudelbüchern", sozusagen gewürzte Aufklärung. Geistesgrössen von Goethe über Novalis, Nietzsche, von Ebner-Eschenbach (eine der ganz wenigen in diesem Genre bekannten Frauen), Tucholsky, Wilde, Shaw, Valéry bis zu den heutigen war und ist der Aphorismus ein Geistesblitz, der in den Lesenden Reflexionen und ein interaktives "Mitblitzen" auslösen sollte.
Charles Tschopp wird in den verschiedensten im Internet aufgeführten Autoren-Listen den bedeutendsten Aphoristikern der Weltliteratur zur Seite gestellt. Es gibt Web-Seiten, auf denen täglich ein anregender Tschopp-Gedanke aufs Netz geschickt wird. Weshalb dieses Interesse für die aphoristischen Destillate, die vom Leser einiges an Lebenserfahrung und Mitdenken erfordern? Aphoristiker sind aufklärerische Moralisten, leidende Liebende, von Sinn und Unsinn Ergriffene, Sinnsucher, Essenzialisten, Bewunderer des übersehenen, Wanderer in der Fülle des Lebens, um nur ein paar Triebmotive zu nennen. Wem das Banale des Mainstreams bewusst wird, der muss seine Seele vor dessen Sog schützen, indem sie auf Distanz zur Vulgarität des modernen Alltagslebens gehalten wird. Sich auf einen Aphorismus einzulassen, bedeutet, Gefühlsraum und Denkzeit vor die Diktate der Modernisten zu schieben. So schützt man sich vor der ständigen Ausrichtung auf morgen, um nicht übermorgen von gestern sein zu müssen. Sich auf Aphorismen einzulassen, führt zu einer Entschleunigung, die vielleicht zu einem Auffinden eines Raums für das Behagen des Geistes ist. Aphorismen in uns wirken lassen, ist eine sinnstiftende und zudem ökologisch völlig unbedenkliche Art der menschlichen Entfaltung auf der Reise nach innen.
Im Vorfeld der Neuauflage dieses Aphorismenbändchens wurde ich gefragt, ob auf die heutige Leserschaft in Anbetracht der radikalen Zuspitzung moralischer, philosophischer, ästhetischer, politischer, gesellschaftlicher Themen die Form des Aphorismus nicht "apodiktisch" und belehrend wirke. Der Aphoristiker hausiert nicht mit einer Lehre. Er zeigt in einer Kürzestform seine subjektiven Wahrnehmungen in den verschiedensten Bereichen des Seins. Das impliziert Zeitbedingtheit - im Falle von Charles Tschopp den Zeitraum von etwa 1940 bis 1977 - aber auch den kurzlebigen Modernismen entzogene Einsichten. Insofern kann auch der schärfste Aphoristiker nichts dafür, wenn man ihm später Fettnäpfchen wie das der "political correctness" aufstellt. Ich darf Sie beglückwünschen, wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sich mit Charles Tschopp auf Gedankenwanderungen begeben.
Ich danke dem Sohn von Charles, Hans Tschopp, und seiner Frau Ruth herzlich, dass sie sich auf das Abenteuer eingelassen haben, die von Paul Bieger mit Meisterschaft drucktechnisch betreute Neuauflage der vergriffenen Aphorismen wieder greif- und begreifbar zu machen.
Im Mai 2007
Robert Kühnis, Windisch